Dieter Bub

Großvater verdanke ich heute mein Leben auf dem Lande, in der Uckermark. Bei Oma und Opa bin ich aufgewachsen. Fünfzehn Jahre in Halle mit verdreckter Luft und der Saale, einem Fluß, der eine Chemiekloake war. Dreieinhalb Kilometer vom Paulusviertel entfernt, an der Straßenbahn- Endhaltestelle „Frohe Zukunft“, lag mein Paradies. Zwei Gärten, der eine mit großem Obstbaumbestand, in einer vor langer Zeit aufgegebenen Tagebaumulde, der andere, kleiner, umgeben von Einfamilienhäusern. In Opas Gärten verbrachte ich fünfzehn Jahre. Aus ihnen brachten wir Obst und Gemüse mit einen schwer beladenen Leiterwagen nach Hause. Opa erweckte in mir die Liebe zur Natur. Er kannte sich nicht nur mit Obst- und Gemüse aus. Er hängte Nistkästen auf, kannte außer Amsel, Drossel, Fink und Star die ganze Vogelschar, konnte ihre Stimmen täuschend ähnlich nachahmen. Jetzt erlebe ich Pirol, Rotkehlchen, Rotschwänzchen, Stieglitz, Meisen- und Drosselfamilien, dazu Katzen und einen Hund auf einem großen Grundstück, bewachsen mit Obstbäumen, die in den zwanziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts gepflanzt worden sind, mit Äpfeln wie Grafensteiner und der Birne Helene, die nach Kindheit schmecken. Dazu ein Gemüsegarten, bewirtschaftet von einer Frau mit zwei grünen Daumen.
Bereits nach dem 30. Geburtstag hatte ich in der Nähe von Bassum in Niedersachsen ein Kätnerhaus gefunden, aus dem wir durch englische Überschalljets vertrieben worden waren. Danach folgte ein altes Bauernhaus auf der Insel Föhr, das über Jahrzehnte, zeitweise auch fester Wohnsitz, war.
Seit fünf Jahren ein Leben draußen, ohne Arbeit in der Stadt, beschränkt auf ein paar Termine, Theater und Kinobesuche, doch nur eine Stunde Zugfahrt entfernt. Dafür nur fünf Minuten bis zum See und zu Freunden in der Nachbarschaft, Einheimischen und Zugezogenen, Stadtflüchtlingen wie wir. Nur über den Berg geht es zu Angela Merkel.
Auch wenn uns die Nordsee „fehlt, die wir zuweilen besuchen, „unser“ See entschädigt uns.
Die Uckermärker ähneln als Menschenschlag den Friesen, freundlich, klar, direkt, hilfsbereit. Dennoch, nicht wenige sind, auch 30 Jahre später noch immer von der Einheit, mit dem Verlust von Arbeit und Würde enttäuscht. Dabei waren und sind wir Wessis, ihnen, den Ossis, willkommen, weil es zusehends ein Miteinander gibt und endlich, selbst auf dem Land, eine Angleichung von Lebensverhältnissen. Selbst wenn es pathetisch klingt: Jeder Tag in der Uckermark bedeutet für uns neues Glück.

Text: Dieter Bub

Fotos: Axel Lambrette