Karl Jonas

Nicht sehr häufig zu finden in einer der am dünnsten besiedelten Gegenden Deutschlands sind die Jugendlichen. Aber es gibt sie und entgegen einiger Statistiken, die besagen, dass eher junge Männer mit geringerer Schulbildung und ohne Perspektiven in der Uckermark verbleiben, kann man durchaus auf eine motivierte und kluge Jugend treffen.
Einer von ihnen ist Karl Ludwig Walther Jonas, 19 Jahre alt. Er befindet sich im 3. Lehrjahr seiner Ausbildung zum Landwirt mit begleitendem Fachabitur. Sein offenes und herzliches Auftreten macht schnell deutlich, dass er sich die Dinge genau anschaut und für seinen eigenen Lebensweg keine faulen Kompromisse eingeht. Da ist nichts verstellt oder unklar und genau das macht eine Unterhaltung mit ihm erfrischend.
Karl Jonas stammt aus Parnem, einem Dorf am nordwestlichen Zipfel der Uckermark. Er hat noch drei weitere Geschwister, zwei Schwestern und einen Bruder. Seine Kindheit beschreibt er als behütet. “Ich habe halt die 19 Jahre meines Lebens hier verbracht und das auch nicht schlecht, muss ich sagen.” Er betont in diesem Zusammenhang die Freiheiten, die einem jungen Menschen das Dorfleben ermöglichen. Wenn keine Busse fahren, dann kann man eben auch unter der Woche bei den Schulfreunden im Nachbarort übernachten oder schwarz Motorrad fahren – letzteres hängt man natürlich nicht an die große Glocke. Aber auch spezifische Kindheitserlebnisse mit dem Vater, z.B. das Auseinanderschrauben von Autos, das Holzmachen im Wald, sind Teil einer starken Bindung zur “Heimat”.
Nun lebt er aber erst einmal mit dem Großvater auf dem Luisenhof. Der gemeinsame Männerhaushalt scheint ihm gut zu tun. Er hat seine eigene Stube und Raum für gemeinsame Zeit gibt es ausreichend. Wenn er nicht zur Schule muss, startet seine Arbeit um 7:30 und endet um 16:15. Viel los ist hier nicht, aber das ist genau richtig gerade. Außerdem gibt es tagtäglich etwas zu tun. Er saugt fast jeden Tag im Haus, kocht und wäscht die eigene Wäsche. Das Holz im Haus muss an kalten Tagen verteilt werden und für den Abschluss will auch gelernt sein. Gibt es etwas zu reparieren und er kennt sich aus, dann kümmert er sich selbstverständlich. Den Großvater haben wir dazu nicht befragt aber man möchte fast meinen, für ihn bleibt keine Arbeit mehr übrig. Aber wir glauben Karl Jonas einfach mal, sind seiner charmanten Erzählweise erlegen und außerdem hat er das Fernsehen als Ausgleich ebenso erwähnt.
Sein Einzug beim Opa steht im Zusammenhang mit dem Betriebswechsel. Von einem Massenproduktionsbetrieb kam er schließlich hierher, um seine Ausbildung in Böckenberg, Friedenfelde auf dem Gut Temmen in einem reinen Mutterherdenbetrieb zu beenden. Darüber ist er sehr glücklich. Das vorherige menschliche und betriebliche Klima hatte ihn deprimiert. Nun lernt er viel Neues und vor allem hält er große Stücke auf die ökologische Produktionsweise. Hinzu kommt die körperliche Auslastung – er ist zur Zeit meistens in der Getreidereinigung eingeteilt – und “…dass man einfach ein Gefühl für viele Sachen kriegt, gefällt mir”. Starke Einwände hat er beim Thema Bezahlung der ausgebildeten Facharbeiter. “Darauf habe ich keinen Bock. Man knüppelt bis zum geht nicht mehr und ja, ist einfach ein Witz, was dabei rum kommt.”.
Deshalb hat Karl Jonas nach der Lehre auch erst einmal andere Pläne und ist gut informiert. Zuerst wird er in die Schweiz gehen, denn hier verdient man gutes Geld mit seiner Ausbildung auf den Schweizer Bergen. Dann geht es in den englischsprachigen Raum, um in der Landwirtschaft als Saisonkraft auszuhelfen. Land und Leute kennen zu lernen ist ihm wichtig.
Und dann wird er wieder zurückkehren. Eventuell hängt er noch ein Studium oder eine Tischlerlehre dran. Aber auf alle Fälle möchte er sich hier in der Region einbringen, zumal: “Die Großstadt ist überhaupt nicht mein Film.” und er fragt sich oft, wenn er seine Schwester oder Freunde in Berlin besucht: “Alter, was macht ihr hier eigentlich gerade?”.
Was ihm fehlt, ist lediglich der Führerschein, aber das lässt sich klären.
Er formt keine langen Sätze, schwingt nie große Reden. Wenn er Kritik äußert, ist sie deutlich und sitzt fest am richtigen Fleck. So hält er es auch, wenn er gegen die Monokultur in seiner Heimatregion argumentiert. Dagegen möchte er sehr gerne aktiv etwas machen, wenn er zurück und älter ist. Und er ist überzeugt, nicht zuletzt durch seine entspannte Sitzhaltung und in seinem grünen Arbeitsoverall, der “typischen Landwirtschaftskollektion von Engelbert Strauss”. Darin wirkt er aktiv und Ideen und Überlegungen hat er bereits angestellt. Ländereien könnte man mit seinen Berliner Freunden zusammen legen und selbst etwas anbauen, um die Flächen zu kultivieren und den Bestand zu halten. Aber Karl Jonas gibt ruhig und sicher zu verstehen, dies steht für ihn an, aber nicht jetzt.
Über alles andere, was irgendwelche allgemeinen Zukunftsgedanken angeht, ob hier wieder mehr Menschen leben werden, wie sich die Grundstückspreise entwickeln, ja, “Das sind alles Dinge, kannst Du drüber nachdenken, aber genauso gut sein lassen”.

Text: Katja Zimmermann

Fotos: Axel Lambrette