Hans-Otto Schmidt

Hans-Otto Schmidt, freischaffender Maler, lebt und wirkt zurückgezogen in einer Bescheidenheit, die den fremden Gast bereits an der Scheunenpforte seines abgelegenen Hauses auf dem Luisenhof in der Uckermark bewegt. Die Sinne öffnen sich. Mit der eigenen Empfindsamkeit beschäftigt, spielt es überhaupt keine Rolle, dass das Klischee vom geheimnisvollen Künstler hinter den sieben Bergen in Gänze greift.
Hans-Otto Schmidt meint es genau so.
Die ruhige, anziehende Schlichtheit zeigt sich nicht nur in seinen Bildern. Auch das Haus mit seinem privaten Wohnbereich und den Arbeitsräumen: die geräumige Scheune und das Winteratelier, folgen einer fein geordneten Aufrichtigkeit, die den Besucher tief berührt, nicht nur im ersten Augenblick. Das gesamte Interieur ergibt einen liebevollen Zusammenklang, der sich nicht zuletzt durch die Fähigkeit des Künstlers zum Schreinern formt.
Hans-Otto Schmidt ist gelernter Tischler und hat viele Jahre an Berliner Theaterwerkstätten in diesem Beruf gearbeitet. Das private Mobiliar trägt da wie selbstverständlich seine eigene Handschrift.
“Was mich immer wieder in helle Begeisterung versetzt, das ist, wenn das Licht in der Landschaft ist. Und das lässt überhaupt nicht nach, die Begeisterung nimmt eher zu.”
Die Landschaft und das Licht in seiner Umgebung überwältigen und verzaubern ihn dermaßen, dass ihre unglaubliche Schönheit durch alle Jahreszeiten hinweg nur im Klang großer Sinfonien einzuordnen sind. Das versteht auch der Gast sofort. Aber Hans-Otto Schmidt ist kein von der Liebe Erblindeter, der das Bezaubernde für einmalig hält und nur der “Einen” zuschreibt, außer Stande seine Zuneigung auch auf anderes zu richten. Das wäre ein fataler Irrtum, dies anzunehmen. Er betont immer wieder: “Das ist aber so nebensächlich, was da für ein Ortsschild steht, das ist nichts Besonderes.”, denn herrliche Landschaften gibt es überall. Die Betonung des Regionalen zeugt für ihn von einer fürchterlichen Kleinkariertheit, die er vehement ablehnt und dabei klar zu verstehen geben muss: “Für mich ist das der Inbegriff des Provinzialismus.”
Er lebt hier, weil er einen Arbeitsort suchte, nicht irgendwo, aber irgendwo zwischen Berlin und der Ostsee.
Und den hat er gefunden 1974 in der Uckermark. Etwas später kamen die Frau und zwei Töchter dauerhaft aus Berlin dazu. Später nach dem Tod der Ehefrau und dem Auszug der erwachsenen Kinder, bewohnte Hans-Otto Schmidt mit einer langjährigen Partnerin das Haus. Sie alle haben ihre Spuren hier hinterlassen, das Haus beseelt.
Aktuell führen er und sein Enkelsohn, der seine Ausbildung zum Landwirt in der Gegend absolviert, eine Männer-WG. Ein weiteres Abenteuer.
“Es ist alles ein bisschen bedrückend, wenn man so richtig eintaucht in die Geschichte.” Er beurteilt seine Situation als komfortabel, weil er diesen schönen Ort vor Jahrzehnten gefunden hat und sich für dieses Leben frei entscheiden konnte. Vielen anderen ging es vor und nach ihm nicht so. Die Bevölkerung hat sich in dieser Region schon immer durch Kriege oder Systemumbrüche ausgewechselt. Er kam hierher in einer nächtlichen Motorradfahrt und wusste, das Grundstück muss es sein. Die dicken Mauern und der Grundriss erinnerten an die Kindheit und sein Vorgänger starb genau an seinem Geburtstag. Er wurde durch eine Gewalttat getötet. Man nimmt an, erschossen durch sowjetische Tiefflieger, die kurz nach dem offiziellen Kriegsende im Mai 1945 in Einsatz gebracht wurden gegen die Nazis zur Abwehr ihres letzten Aufgebots, des “Werwolfs”. Das Leben hier war nun mehr als sein Traum, sondern zugleich seine Verantwortung und Bestimmung. Circa zehn Jahre sollte der Aufbau dauern.
Und seine Mitmenschen? Mit den meisten von ihnen, denen er keinesfalls ein typisch uckermärkisches Label aufsetzen würde, arrangiert er sich und erwähnt einigermaßen unbeeindruckt: “Also, ich bin nicht entzückt, aber ich bin auch nicht maßgeblich.”
Hans-Otto Schmidt hat Biss und einen feinen Humor. Menschen, die sich ebenso mit scharfem Blick der Welt stellen, lässt er um sich herum gerne zu. Jene, die sich der Beliebigkeit schuldig machen oder dem Hochmut verfallen sind, duldet er nicht, zumindest nicht kommentarlos. Die seichte Presse oder auch das Anbiedern einiger Künstler*innen, indem sie ihre Arbeiten in beliebigen öffentlichen Räumlichkeiten ausstellen, um einen Beitrag zum Gemeinwohl zu leisten, signalisieren ihm eine Unterwürfigkeit und blinde Akzeptanz an Respektlosigkeit, die ihn richtig wütend macht und er strikt ablehnt.
Auch wenn die Uckermark seine Wahlheimat ist, stellt sich zuweilen ein Überdruss ein, der nicht unwesentlich durch die Kargheit an spannendem Austausch beeinflusst ist: “Der Zugang zu bildnerischen Mitteln, ist immer so eine Sache. In der Stadt ist es leichter sich über ne künstlerische Sprache zu verständigen. Das ist ja kein Allgemeingut.”
Mit der Zunahme an Zuzüglern scheint es leichter zu sein, passende Kontakte oder gar Freunde zu finden, denn: “Ich verstehe mich als künstlerischer Einzelbauer. Und wenn man das genauer anguckt, ganz viele Zugereiste haben ihre Existenz als Freiberufler. Und da gehören sie auch nicht zu diesen Lohnabhängigen, Angestellten. Das ist einfach so.” Der Begriff des werktätigen Einzelbauers ist ein Kampfbegriff, entstanden in der Zeit der Zwangskollektivierung. Einige Großbauern wollten auf keinen Fall zur LPG gehören. Diese oppositionelle Haltung ist dem Künstler und auch Tischler Hans-Otto Schmidt sympathisch und darüber lässt sich eben auch einfacher mit Menschen aus nicht klassischen Arbeitsverhältnissen debattieren.
Viele Menschen der Region sind in der DDR sozialisiert worden und da war der Werktätige, der schaffende Arbeiter gefragt. Das wirkt bis in die heutige Zeit nach und äußert sich oftmals in einem dünkelhaften Menschenschlag, “der völlig außerhalb des Geschehens ist und sich ein Werturteil anmaßt, da haut’s einem die Füße weg.” Diese verletzende Enge bedrückt ihn. Gleichwohl leistet der Umstand: “Als Maler brauche ich meine vier Wände und kann ja meine Reisen machen und kann mit meinen Bildern sonst wohin fahren.”, erholsamen Ausgleich. Auf einen bestimmten Landkreis ist er nicht verwiesen.
Aber er hat großes Verständnis und ein ehrliches Interesse an den Menschen allgemein. Ihm ist völlig klar, dass er für seine Malerei ein gewisses Publikum benötigt, dass neben den finanziellen Möglichkeiten auch über ein bestimmtes künstlerisches Sprachvermögen verfügt. “Ich lade ja nun nicht gerade zum Geburtstag ein” und eine künstlerische Ausstellung suggeriert dem Besucher schnell, hier Wissen und “Kennerblicke” aufbringen zu müssen, die nicht zwangsläufig jedem gegeben sind oder derer man sich überhaupt aussetzen möchte.
Hans-Otto Schmidt bringt sich in das Gemeindeleben ein. Musikalisch. Er ist Mitglied in der Kantorei Templin. Manchmal nimmt er auch an einem monatlichen Gesprächskreis teil. Grundsätzlich bleibt er aber eher der Beobachter, als dass er mitmischt. Seiner Sensibilität entgeht wenig und lässt ihn immer wieder die Dinge in einem kritischen Zusammenhang setzen. Da denkt und diskutiert man zuweilen gerne mit, nicht zuletzt um seiner mecklenburgischen Redensart zu lauschen. Das rollende “R” ist da nur eine sympathische Auffälligkeit.
Wenn man nach seinen Wünschen fragt, spricht er von Weite und Offenheit.

Text: Katja Zimmermann

Fotos: Axel Lambrette