Eduard Switon

“Na ja, so war datt damals jeweesen, na ja.”, kann Eduard Switon über mehrere Jahrzehnte und Epochen hinweg aus der Region berichten.
Er kam in seinen frühen Jugendjahren vom Osten allein in die Region und hat als Kutscher auf dem Gut des uckermärkischen Familienzweiges von Arnim angefangen zu arbeiten. Eine Stube hat er dort bewohnt. Für Essen und Trinken war gesorgt, ansonsten ist er viel herum gekommen als Kutscher. Ein Auto besaß ja kaum ein Mensch zu dieser Zeit, in dieser Gegend. So fasst er zusammen: “Die schönste Zeit war, wie ich Kutscher war.”.
Reges Treiben gab es dennoch. Viele Kinder, die in ihren Dörfern zur Schule gingen. Die Familien waren Selbstversorger, standen in Lohn und Brot hauptsächlich als Agrar- und Landarbeiter. Die Arbeit war schwer und nicht üppig bezahlt. Auch viele jüdische Familien – angesiedelt bereits im 16. Jhd. zur Stärkung der Wirtschaft (Handelsroute Berlin-Stettin, Steuern) lebten bis in die späten 30er Jahre in der Uckermark. Eduard Switon erinnert sich: “Das war nun damals Krieg” und er hat beobachtet, wie in der NS-Zeit die gesamte jüdische Bevölkerung liquidiert wurde. Er selbst musste nicht an die Front und blieb die Kriegsjahre über vor Ort.
Nach dem Krieg haben alle gemeinsam zupacken müssen. Ob nun in der Landwirtschaft mit Tieren gearbeitet wurde oder auf dem Acker und im Handwerksbereich, man half sich aus, fasste mit an. Das ging gar nicht anders. “Und da wurden die Dörfer schon immer kleiner.” Wer konnte, wollte lieber in die Stadt, berichtet Eduard Switon. In der Stadt brauchte man keine Kohle mehr und die Mieten waren erschwinglich.
Er selbst blieb auch diesmal. Seine Frau, “die war kernig und das sieht man ihr auch an”, sagt er schmunzelnd und zeigt auf ihr Foto, lernte er 1946 kennen. 1947 kam der Sohn zur Welt, drei Jahre später das Mädchen. Und Stück für Stück haben sie sich ein eigenes Leben aufgebaut. Ein paar Hühner, dann eine Ziege, Obst und Gemüse, “das hat die Frau alles eingeweckt”. Sie hatten nicht viel, aber alles, um als Selbstversorger über die Runden zu kommen. Das Haus, dass er mit der Familie in Blankensee bezog, ist inzwischen 300 Jahre alt.
Man musste sparsam und arbeitssam leben, doch geraucht hat er dennoch mal und schnell wieder aufgehört. “Das ist ne Krankheit, na ja mensch, und wenn du dann noch Lotto spielst, dann bist du ein armer Mensch.”
“Man freut sich, wenn man was Neues erleben kann.”, findet er und hat sich als junger Mann gesagt: “Wenn du kannst, dann riskierst du es, ist wahr.”. Aber was meint er damit? Inzwischen kamen die in der DDR typischen Plattenbauten, einer der Neubauten entstand auch in seinem Dorf, bestimmt für die Flüchtlinge, die dann in der LPG arbeiten sollten. Trotz weitestgehender Abschottung von den DDR-Bürgern, bemerkte man zudem die hier zahlreich stationierten sowjetischen Soldaten über vier Jahrzehnte hinweg. Die Dinge veränderten sich erneut maßgeblich und Eduard Switon bekam sehr wohl das Bedürfnis sich von alledem einmal verabschieden zu können. Spricht er weiter von seinen Träumen, schaut er schmunzelnd um die Ecke, denkt nach, lacht auf einmal und ergänzt: “Ja, wegziehen, ja, datt wär ja watt geworden. Ich hätte ja können, nach Nordamerika. Australien, da war’s mir zu warm”. Aber da hatte er schon die Kinder und die Frau, die er sehr mochte. Zu verhandeln gab es nichts, denn bei ihr, da durfte er von diesem Thema gar nicht erst reden. Also blieb er wieder.
Seine Kinder “sind alle ganz gut eingeschlagen, aber was nutzt datt alles.”, wenn sie hier nicht bleiben können und das Dorfleben zu Grunde geht. Er hat schon sehr lange keine Hoffnung mehr, dass sich die Dörfer hier in der Region wieder beleben lassen. Nach der Wende hat sich dieser Zustand weiter verschlechtert. “Die sind ja alle weg.”, außer die Alten und die Jungen sind froh, wenn sie eine Arbeit in der Stadt haben. “Es ist nichts mehr zu retten.”, meint er ohne zu zögern.
Zurückzubringen ist da nichts, wenn es dazu keine Notwendigkeit gibt. “Jeder möchte leicht leben, ich möchte och leicht leben.” Das Stadtleben ist einfacher und billiger. Zu LPG Zeiten hatte jeder Haushalt ein paar Tiere. Die wurden verkauft und der Ertrag gerne gleich mal in der Kneipe ausgegeben. “Da warst traurig, wenn du nach Hause gekommen bist und das Geld war weg jeweesen.”. Aber man traf sich eben. Jetzt arbeitet hier kaum noch jemand, also braucht es auch keine Bäckerei, keine Kneipe. Die arbeitende Bevölkerung kann sich alles aus der Stadt besorgen. Dorffeste mit Tanz, wie früher, wozu soll es die geben, wenn heutzutage die Menschen fehlen, fast alle einen Fernseher haben und mit ihren Autos hier- und dahin fahren können. Das alles fasst Eduard Switon unverschönt kurz und knapp zusammen.
Er selbst blieb nun immer noch. Er kannte ein paar ältere Menschen, die zur Sicherheit in die Stadt gezogen waren. Für ihn keine Option. Die Natur mochte er viel zu sehr. Wochentags besuchte er die Tagespflege in Gerswalde. Er mähte den Rasen, versorgte die Blumen, die Hühner und “Ich kratz ja auch hier drinnen, watt so zu machen ist.”. An den Wochenenden fuhr sein Enkel viel mit ihm herum.
Es gäbe noch viel zu erzählen und auf seine Frage hin: “Siehste, nun hat euch datt jefallen oder nich jefallen, man weeß ja nich?”, lässt sich nur antworten, ganz klar hat es uns gefallen.
Wir hätten uns gewünscht, dass Eduard Switon noch mit mehreren Menschen seine Erfahrungen teilen würde. Eine Gelegenheit sollte das Abschlussfest am 20.01.2018 zu dem Portraitprojekt in der Region Gerswalde sein. Er war einer der Interviewpartner.
Aber auch wenn er heiter sagte: “Manchmal denke ich, mensch, so alt biste doch noch gar nicht.”, kam es nicht mehr dazu.
Eduard Switon ist am 31.12.2017 im Alter von 97 Jahren verstorben.

Text: Katja Zimmermann

Fotos: Axel Lambrette