Bernd Fraunholz

Von der Autobahn kommend über die kleinen Dörfer Suckow, Flieth und Kaakstedt, stößt man auf das Ortseingansschild von Gerswalde in der Uckermark. Geradewegs auf die Dorfmitte zufahrend, erstreckt sich in einer scharfen Kurve ein großes, altes Fachwerkhaus. Ein altes Ladenfenster, daneben eine Tür mit der Aufschrift “Dorfmitte Productions”. Wenn man eintritt, steht da Bernd Fraunholz. Ein wenig zu groß wirkt er in den kleinen Räumen.

Über die neuen Entwicklungen des Dorfes Gerswalde wurde schon viel berichtet. Die Leute sagen, Gerswalde ist besonders, kein typisches Dorf, sondern hier wirken und leben Menschen, die eine Idee davon geben, wie das Dorfleben der Zukunft aussehen kann. Bernd Fraunholz ist einer von ihnen, der diese Entwicklung aktiv unterstützt. Wer an interessanten Begegnungen und liebevoll hergerichteten Alt-Immobilien interessiert ist, sollte die Bekanntschaft mit ihm machen. Seit 2016 lebt er fest in der Gemeinde.

Er genießt es, wenn schöne und interessante Dinge in seiner näheren Umgebung passieren, deshalb erzählt er bereitwillig von der Geschichte dieses Hauses, berichtet, was es alles für Entwicklungen vor Ort gibt und was noch alles ansteht. Ganz schnell kann man plötzlich in seinem Wagen sitzen und eine kleine Gemeinderundfahrt genießen. Alles, um vielleicht einen weiteren Gast auf längere Zeit für diese Region zu begeistern und an den Ort zu binden. Aber nur vielleicht und ohne Zwang.

Im Haus der “Dorfmitte Productions” wurde früher auf dem Dachboden Tabak gelagert. Das Haus steht unter Denkmalschutz, stand mehrere Jahrzehnte leer und nun hat Bernd es gekauft. Nach und nach setzt er es behutsam instand und gestaltet mit gleicher Sorgfalt das Innere des Hauses. Es gibt nicht nur Platz für ihn und seine Tochter. Inzwischen hat sich die dahier Dorfdruckerei eingemietet, betrieben von Jeong Hwa Min und Jan Lindenberg. Ein kleiner Restaurantbetrieb oder eine selbstverwaltete Dorfküche wären auch denkbar. Es gibt noch immer viel zu tun und viele Ideen, was man mit den Räumlichkeiten anstellen könnte, gibt es auch.

Ein paar Straßen weiter, Richtung Herrenstein, aber vor dem Berg scharf links abbiegen, kommt man vorbei an zwei, drei von diesen typischen Bauernhäusern niedersächsischen Stils. Sie stehen mit dem Giebel zur abgelegenen Dorfstraße, gehen weit in die Länge. Vorne der Wohnbereich und hinten dran gleich die Stallungen. So war es jedenfalls früher. Mensch und Tier unter einem Dach. Die Wenigen, die solch ein Haus besitzen, haben sich meistens das Dachgeschoss ausgebaut und nutzen die Häuser als Familiendomizil, sprich als Ferienwohnung oder Alterswohnsitz. Auch hier könnte man Bernd antreffen. Aus dem selben Grund wie viele Stadtmenschen, wollte auch er zunächst einfach nur aufs Land, seine Ruhe haben und ein Wochenend Idyll für sich und die Familie schaffen. So kam er 2008 zunächst als Pendler in die Region und kaufte sein, dieses erste Haus.

Einfache, schlichte Räume ausgestattet mit wenig Mobiliar, aber wohl ausgesucht, unterstreichen die Abgeschiedenheit von allem Urbanen. Von draußen kommt nichts als absolute Stille, wenn man auf menschliche Stimmen und Straßenverkehr konditioniert ist. Jedoch nahezu konzertante Klänge umgeben einen, lauscht man dem Zusammenspiel der Tierwelt. Der rauschende Wind durch Gräser und Felder tut sein übriges.

Es kam dann wie so oft im Leben alles anders. Das Haus vermietet er derzeit lieber an Gäste und lebt “in der Stadt”, wie er sagt und kümmert sich um das Fachwerkhaus in Gerswalde oder um den “Stützpunkt”.

Der Stützpunkt befindet sich auch in Gerswalde. Ihn zu finden, ist aber leicht verwirrend, denn jetzt fährt man doch links wieder auf die Hauptstraße übern Berg rüber Richtung Herrenstein und weiter geradeaus. Eigentlich ist man dann schon wieder raus gefahren aus Gerswalde, um dann erneut auf ein Ortseingangsschild zu stoßen auf dem Gerswalde steht. 

Dieser Ort ist von ganz anderer Art. Wer “Unterleuten” von Juli Zeh gelesen hat, kann sich hier gut vorstellen, dass der Nachbar Schaller täglich seelenruhig seine Gummireifen verbrennt. Das ist aber nicht so und auch die Nachbarn, sie verstehen sich gut und vor allem, sie stören sich nicht in ihren Bedürfnissen. Das Doppelgrundstück hat keine Grenze zwischen den Einzelobjekten. Auf dem einen Grundstück befindet sich eine kleine Fabrik. Das andere Grundstück ist der sogenannte “Stützpunkt”. Es handelt sich dabei um ein ehemaliges Verwaltungsgebäude der LPG, das nun mehr als 20 Jahre leer stand. Der Vorplatz ist mit länglichen Betonplatten ausgelegt, noch aus DDR-Zeiten, angelegt für die LPG Fahrzeuge. Wild wächst das Gras.

Hier riecht es ein bisschen nach Werkstatt, aber das passt, weil der Ort nicht als Rückzugsort gedacht ist. Bernd trifft man hier in Arbeitsklamotten. Er baut Ateliers für verschiedene (Handwerks)-Künstler*innen eigenhändig aus. Der Ort ist auch für Filmarbeiten und Produktionen gedacht, an denen er parallel mitarbeitet. Schmutzig und staubig kann es dabei schon werden und auch in Zukunft wird es ein arbeitsamer Ort bleiben. Es kann hier auch mal lauter werden.

Wenn man Bernd danach fragt, was ihn hier in der Gegend hält, was ihn anzieht und wie er seinen Alltag im Dorf bestreitet, nimmt er die Frage ernst und antwortet nach längerem Überlegen mit sicherer Haltung: “Natürlich denke ich ständig darüber nach wieder wegzugehen, aber das stimmt natürlich nicht, das mache ich nicht. Ich bin einfach ein unruhiger Geist, der immer wandelt, aber ich finde es ganz schön toll hier und will nicht weg. Und, ja, was mache ich hier? Ich mache Immobilienentwicklung, so nenne ich das und damit auch Dorfentwicklung”.

Ein klein bisschen schmunzelt er beim Thema Abgründe zwischen Alteingesessenen und Neuzugezogenen. Es ist das Schmunzeln des Wissenden gegenüber dem Ahnungslosen. Ganz klar gibt es da Berührungsängste von den Menschen, die schon lange hier leben und das sei auch irgendwie normal: “Das kann ich gut verstehen. Die hierher kommen sehen komisch aus, sprechen anders, sind komische Vögel. Und das sind auch oftmals komische Vögel, das ist eben die neue Zeit”. Aber auch hier in Gerswalde sind die Menschen verschieden, nehmen das Engagement von Bernd unterschiedlich auf. Zum einen ist er Arbeitgeber durch seine Immobilien, dann gibt es Menschen, die finden es wunderbar, dass das alles passiert und dann gibt es die anderen, die Schwierigkeiten mit Veränderung haben. “Dinge werden dann einfach nicht unterstützt sondern eher gehemmt.” Mehr gibt er nicht preis.

Er verfolgt kein konkretes Ziel oder sagt, das oder jenes müsse unbedingt verändert werden. Nein. Für ihn fügen sich diverse Puzzleteile zu seinem Leben, das einfach eine Form des Seins ergibt. Dieses Sein möchte er so angenehm wie möglich gestalten. Er folgt dabei drei Impulsen: das Thema Immobilien liegt ihm, mit den Mieteinnahmen sichert er sich ein Einkommen  und durch seine Häuser als Plattformen finden Aktivitäten statt, die sein Leben bereichern. Natur allein reicht ihm nicht. Er sucht Interaktion und die hat man in Gerswalde viel öfter als in einer Großstadt wie Berlin. “Hier passiert einfach so viel und es ist kleiner und übersichtlicher. Hier hat man nicht die Chance sich aus dem Weg zu gehen.” Und das allerbeste ist: “Geld braucht man hier nicht viel, vor allem nicht, wenn man die Verlockungen der modernen Welt nicht will oder schon hatte.” Außerdem ist er sich sicher, dass das Internet in Gerswalde ziemlich okay ist und man alles Notwendige damit erledigen kann.

Er ist auch überzeugt davon, dass es ohne die Amtsstruktur in Gerswalde viel schlechter aussähe. Die müsse bleiben, ansonsten bricht nach und nach die Struktur weiter weg – keine Schule mehr, kein Bäcker mehr und dann auch bald kein Konsum mehr. “Erledigungen gehen hier total schnell. Zum Beispiel wird man im Amt schnell und freundlich versorgt. Einen Reisepass kann man schon mal innerhalb von 10 Minuten bekommen für die normale Gebühr”.

Bernd Fraunholz betrachtet das Geschehen in seinem Dorf nüchtern. “Die neuen Entwicklungen, die jetzt hier stattfinden, sind zwar sehr schön und wunderbar, aber nicht wirklich ein tragbares Modell. Klar kann man das alles machen, aber es ist ne gespielte Existenz und ist nichts für Menschen ohne Leidenschaft.” Ein Bäcker, klar, der wäre hier sofort Willkommen, aber der Verkauf ist immer eine anstrengende Geschichte. “Wenn der irgendwie klug ist, macht er das Geschäft in der Stadt.” Aus seiner Sicht hat das Dorfleben in der nahen Zukunft keine Chance. Die Brandenburgischen Dörfer wurden am wirtschaftlichen Aufschwung gehindert. Wirtschaftsunternehmen, wie z.B. eine Busfirma konnten sich im Westen in der Ära des wirtschaftlichen Aufschwungs aufbauen. Der Zug ist für den ehemaligen Osten nach der Wende abgefahren. “Da kommt ein Unternehmen aus dem Westen, macht eine Zweigstelle auf und buttert die hiesigen unter.”

Ja, und die Neuen, das sind oftmals Besucher, Erholungsmenschen, die wie ein Vakuum wirken und eher die Kräfte einer Gemeinde absorbieren, das Energielevel wegnehmen und lediglich konsumieren. Es gibt seines Wissens nach zwar verschiedene Strömungen des Zuzugs, aber heute kommen eigentlich immer nur Sonderlinge in die Region. Und die Mobilitätsfrage, ja, “es ist schon hart, es sind schon viele Leute hier gestrandet”, da es nun mal sehr schwierig ist mit dem öffentlichen Transport. Wenn man sich etwas aufbauen will braucht es einen langen Atem, hier kommt ja nicht einfach ein Abnehmer, da müssen die Anbieter oftmals Dienstleistungen, wie Kurse in der Stadt anbieten, um über die Runden zu kommen. Allein vom Ertrag aus dem Dorf können sie nicht leben.

“Und ohne, dass ich mir ein Ersatzteil, nen Designwasserhahn oder Schuhe bestellen kann und es kommt morgen zu mir, könnt ich nicht hier leben. Ich kann hier alles haben, was es in der Stadt auch gibt und diese Möglichkeit gibts noch gar nicht so lang.”

Wünsche für sein Dorfleben hat er nicht so wirklich. Er gestaltet, was und wo er kann, folgt seinen Impulsen und erzwingt nichts. Aber bei einer Gastronomie, die dem Dorfleben gerecht wird, wäre er sofort dabei.

Fotos und Text: Katja Zimmermann